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Interview für die Sächsische Zeitung vom 19.3.2011

Interview für die Sächsische Zeitung am 19.3.20011

Herr Lippold, eine Gemeinde nach der anderen kippt den Schutz für Bäume. Sie und Ihre Mitstreiter pflanzen in Scharfenberg neue Strassenbäume. Warum?

Mit dem Fall der sächsischen Baumschutzordnung scheinen alle Dämme zu brechen. Unsere Landschaft wird gerade komplett ausgeräumt. Strassenbäume, Obstplantagen, Waldränder, landschaftsprägende Gehölzgruppen, werden ersatzlos abgeholzt.
Ich liebe diesen Landstrich, ich bin hier zu Hause. Bäume gehören zu unserer Landschaft wie Möbel, die unsere Wohnung überhaupt erst wohnlich machen. Momentan sind Leute dabei, aus unserem Mobiliar Feuerholz und aus unserer Landschaft Treibstoff zu machen.
Wir können das nicht einfach zulassen.
Wo sehen die Ursachen?

Meine Kritik geht nicht an Hausbesitzer oder Kleingärtner, die einen zu groß gewordenen Baum fällen. Mir geht es um Strassenbäume die nicht mehr nachgepflanzt werden oder den rigorosen Kahlschlag, der gerade von der Agrarindustrie in Auftrag gegeben wurde, um Produktionsflächen zu optimieren.
Deutet die Einführung des Öko-Sprits E 10 nicht auf ein stärkeres Umweltbewusstsein auch staatlicherseits hin?
Ansatzweise vielleicht, aber Politik ist momentan nur noch ein kurzfristig gedacht und noch dazu schlechtes Krisenmanagement. Es nützt Einzelnen oder Gruppen, die clever sind. Wohlgemerkt, nicht klug, sondern clever. Hierzu zählt die Agrarindustrie, sie liegt im Trend, denn sowohl Anbau als auch Verarbeitung von Energieträgern werden hochsubventioniert. Die Vergabe stützt sich auf Satellitengestützte Berechnung der Anbaufläche, da stört jeder Baum, jede Hecke. Der Wahnsinn besteht darin, dass unsere Steuergelder, die eigentlich als Beihilfen für selbständige Landwirte und zur Landschaftspflege gedacht sind, zum staatlich subventionierten Raubbau missbraucht werden. In Folge dürften die Lebensmittelpreise steigen und wir und unsere Kinder haben die Wahl zwischen Sportplatz oder vergifteten Produktionswüsten.
Was kann man tun, wie sehen Sie die Zukunft ?

Wir leben in einer Zeit gravierender Umbrüche. Das gegenwärtige politische Establishment ist augenscheinlich unfähig auf die gewaltigen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, adäquate Antworten zu finden. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen, unsere jetzige Lebensqualität erhalten wollen, müssen wir eigene Verantwortung wahrnehmen, lernen das Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen, wie vor zwanzig Jahren, den Mund aufmachen, uns zu empören, egal ob es um Kahlschlag oder anderes geht. Deshalb pflanzen wir Bäume, für uns und gegen den Trend.

Das Gespräch führte Peter Anderson.



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