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"Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet." Paul Cézanne 1839-1906

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Was übrig bleibt oder hinzu kommt, ist nur noch erbärmlich, würde ich hinzufügen.
Fast dreißig Jahre ist es her, dass ich die Küsten dieses fremden Kontinents bereist habe. Zu Fuß, per Lastwagen oder mit den wenigen Automobilbesitzern, die sich nicht zu Schade waren, einen fremden, ungläubigen Landstreicher von der Straße aufzulesen.
Auf Schotterwegen, kreuz und quer, die Küsten entlang, über den Atlas mit seinen schneebedeckten Viertausendern, durch endlose Sand und Geröllwüsten, fernab jeglicher Zivilisation.

Ein ergreifendes Schauspiel, in dem die Kulissen unvermittelt ihre Form, Farbe und den Geruch verwechseln, schroffe Gesteinsformationen gegen feinkörnige Sanddünen, reißende Flüsse gegen verdurstende Ebenen. Die vereinzelt liegenden Ansiedlungen der domestizierten Wüstensöhne ließen sich kaum von der Landschaft unterscheiden. Steine über einander gehäuft, die Fugen mit Lehm verschmiert, Ton in Ton, sparsame Ornamentik, nur an den Fenster und Türgewänden auf schneeweißem Kalk. In den fruchtbaren Niederungen Orangen und Bananenplantagen, behütet, gepflegt, jeder Quadratzentimeter nutzbringende Erde. Die Steinwüsten des Antiatlas mit ihren Zweihundertjährigen Arganriesen, Windflüchtern, graugrünen Olivengreisen, die sich noch an die Zeit der Römer erinnern durften.
Kleinstädte am Atlantik, weiße Lehmauern mit Zinnen, die den königsblauen Himmel aufspießen, ockergelbe Kolonialfassaden, ein Labyrinth von Gassen, Plätzen, Terrassen und quirligen Märkten mit seltsamen Gewürzen, Weihrauch, Minze, Moschus, Alabasterschmuck und Handwerkskünste, die anderswo schon lange ausgestorben sind.

Der Zauber des Orients. Ich erinnere mich noch, dass ich eines Tages, irgendwo, in der südlichen Sandwüste auf eine Stadt stiess, die in keiner Karte verzeichnet war. Umgeben von hohen Mauern, mit Türmen bestückt, sengende Mittagshitze, leer gefegte Gassen, völlige Stille, die Zeit schien angehalten. Nur eine leicht Briese bewegte einen offenen Fensterladen am Ende der Gasse, in Zeitlupe, hin und zurück, auf und zu. Filmkulisse oder Halluzination. Auf dem Basar schliefen die Händler zwischen Gewürzsäcken, Kamelhäuten und Baumwollballen einen Jahrhundertschlaf. Der entfesselte Bougainvillea von Tiefblau bis zum zartesten Rosa, rankte sich über schneeweißen Fassaden, verband Balkone mit Dächern, Arkadengänge und Innenhöfe zu einem zart duftenden Libretto. Ein Märchen im Märchenland.

Schlappe Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Heute ist nichts, aber auch nicht das Geringste von alldem übrig. Wie ein Geschwür hat sich der Fortschritt, in die Landstriche gefressen, sie mit Beton vergewaltigt, ausgeschlachtet und im Dreck liegengelassen.
Endzeit oder Rückfall einer Jahrhunderte alten Zivilisation in die postnatale Phase.
Die Geburtshelfer sind auch hier unschwer zu identifizieren, Stümper, ungebildet, skrupellos, Macht besessen, nicht viel anders als Dreitausend Kilometer nördlich.
Auch hier dürfte das politische Establishment nach der "Grönholm-Methode" * zusammen gewürfelt sein, sich Glaubens- und Parteiübergreifend geistesverwandt fühlen, unter einem Nenner. - Kulturlosigkeit-.
* Grönholm-Methode, ein von dänischen Psychologen entwickeltes Programm zur Selektion von Führungskräfte. (Nach der Devise: "Wir brauchen keine Menschen die aussehen wie Arschlöcher, wir suchen Arschlöcher die aussehen wie Menschen."

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die durch Ämter geadelten Baumschulabsolventen aus unseren Breiten mit ihren Klassenkameraden aus Agadir, ohne Sprachbarrieren, hervorragend verstehen würden. Ich sehe sie vor mir, bildlich, wie sie gestikulierend Pläne entwerfen, zusammen Couscous mit Ziegenfleisch verzehren und nach dem Gebet Wasserpfeife rauchen. Warmherzig, praktische Allianzen, profitabel, risikoarm. Und später die Kumpels dazu, die Strabags, Teichmans, Fabers, Förderer und Geförderte, ganz unter sich, mittags mit Bier am Pool und abends beim Karaoke.
Die feine Gesellschaft am Unternehmerstammtisch, echte Palmenkulisse im Hintergrund, endlose Strände, Berge, Wüsten, die nur auf Erschließung warten, Arbeitstiere im Überschuss, streng fortschrittsgläubig und bildungsfern. Traumhafte Aussicht, eine exclusive Spielwiesen für Adoleszente, Betonköpfe, Asphaltjunkis, von Allah erschaffen.
Während ich draußen auf der Terrasse einen letzten Minztee schlürfe, wird in der Lobby den invaliden Auslaufmodellen der Herrenmenschgeneration der allabendliche Cocktail MDR Unterhaltung vom Plasmatablett serviert.
Vor dem Hotel lungern Talibanschüler zwischen billigem Schund und Plastikabfällen, nervös und gereizt, immer auf der Lauer nach schneller Beute. Ein blauer Dunstschleier von Abgasen vermischt sich unaufdringlich mit dem Duft von Zimt, Oleander und frischen Fäkalien.
O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is!
O brave new world, that has such people in't! Shakespeares

Schöne neue Welt, man muss sich beeilen, nichts wie weg.

Kommentare

Engagement

Hallo Lindberg,
Wir bewundern die Beharrlichkeit, mit der Sie und Ihre Mitstreiter sich gegen die Zerstörung Ihrer Umgebung engagieren.
Wir sind vor drei Jahren Gäste auf dem Schloss gewesen und können es nachvollziehen. Dennoch mache ich Ihnen keine Hoffnung. Diese Kategorie Mensch, mit der Sie zu tun haben, ist immun gegen vernünftige Argumente und von Schönheit oder reizvoller Landschaft, brauchen Sie überhaupt nicht erst anzufangen. Diese Spezies ist völlig unempfänglich für solche Erfahrung. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, vergeuden Sie nicht Ihre Kraft.
Sie haben etwas geschaffen, was einzigartig ist, was Seinesgleichen weit und breit suchen kann.
Genießen Sie diesen Ort und Ihr Leben in der Gewißheit, dass diese Kategorie niemals soweit kommen wird und wenn sie sich noch so abstrampeln.

Schöne Grüße aus Saarbrücken

Da kannst Du sicher sein...

Du kannst sicher sein, daß den Text kaum jemand lesen wird. Allenfalls die ersten Zeilen, über die dann aber keiner der Zuträger, Spitzel und Mächtigen der Grafschaft Klipphausen ohne einen Schlafanfall, bedingt durch kulturelle Überforderung, hinauskommt.

Schöne Grüße



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